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378 Psychische Studien. I. Jahrg. 8. Heft. (August 1874.)
heit, das Ganze aus dem Einzelnen abzuleiten. Allein diese
Aufgabe beruht auf falschen Voraussetzungen, z. B. der
Möglichkeit in sich unterschiedlosen Seins, der Vielheit
absolut seiender Wesen, der Bewegung ohne Ursache, des
Seins der absoluten Vielheit ausser und vor der Weltordnung
u. s. w., und ist daher nur eine künstlich aufgestellte. Aber
auch — per impossibile — die Aufgabe mit ihren Voraussetzungen
zugegeben, so zeigt sie sich als unlösbar, weil
eine Vielheit verschiedener in sich unterschiedloser Seiender
ohne Vermögen, ohne Fähigkeit, ohne Kraft nicht einmal
Aggregate, Composita bilden könnten, geschweige dass
Bewegung, Werden, Leben, Vorstellung, Seele, Geist aus
ihnen erklärbar wäre. Sind die Realen unveränderlich, so
heisst doch das: sie können sich nicht verändern und können
auch untereinander sich nicht verändern. Wo soll da ein
wirkliches Geschehen, Bewegung, AVerden, Entwickelung
herkommen ?
Unter der Voraussetzung der Realen wäre alles Geschehen
, Werden, Leben gespenstisch und dieses Gespenstische
nicht erklärt. Selbst Gott könute nichts mit
ihnen anfangen, als höchstens sie äusserlich in den verschiedensten
Weisen gruppken. Sie würden vor und nach
der von Gott bewirkten Gruppirung völlig gleichgültig gegen
den einen wie gegen den anderen Zustand sich verhalten.
Da sie vorher nicht zu einander sich aufschliessenden
Wechselwirkungen, also auch nicht zu Vorstellungen gelangen
konnten, so können sie es auch vermöge ihrer ünveränder-
lichkeit nachher nicht. Konnten sie vorher nicht Träger
von Vorstellungen sein oder werden, wie sollen sie es nachher
ohne Wunder werden können ? Auch die angenommene
Durct dringbarkeit der Realen untereinander, wenn sie stattfinden
könnte, würde zu nichts helfen, weil sie auch in
ihrer Durchdringung sich unverändert gleichgültig bleiben
würden.
Wenn Alexander Jung behauptet, alles Vergehen und
Werden habe zu seinem Prius das Sein, also etwas, was das
Werden erst ermögliche, oder wenn er der Ueberzeugmg
ist, das Sein Gottes sei das Prius des Werdens der Welt,
so nimmt er das Verhältniss des Seins zum Werden überhaupt
keineswegs in dem Sinne des Herrn Recensenten.
Denn das Sein Gottes ist ihm nicht ein innerlich unterschiedloses
, starres und todtes, aus welchem er das Werden
der Welt zu erklären versuchte; sondern in Gott ist
ihm Sein und Werden, Einheit in inneren Unterscheidungen
und Unterschieden, gar nicht trennbar. In Gott geht ihm
nicht das Sein dem Werden, aber auch nicht das Werden
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