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Prof. Maior: Skizze einer Theorie d. Phänomene v. Geisterersch. 17?
Wir fragen uns jetzt, ob wir nicht durch eine analoge
Theorie die sogenannten spiritistischen Incarnationsphäno-
mene erklären sollen. Charakteristisch für diese Phänomene
(von Transfiguration des Mediums) sind bekanntlich Veränderungen
in den Fähigkeiten und den Charakteren der
Person; man möchte sagen, derselbe Körper gehorche der
Reihe nach verschiedenen Willen.
Daher die Theorie der Spiritisten, welche sagen: —
„Es sind verschiedene Geister, welche sich der Reihe nach
in demselben Körper (von welchem sie, wie in den Fällen
von Besessenheit, vorübergehend Besitz ergreifen) inearniren."
Der Schein stimmt, man muss es zugestehen, bis zu einem
gewissen Grade mit dieser Erklärung überein; aber ist es
trotz dieser Harmonie wohl auch immer die Wahrheit?
Wenn man diese sonderbaren Erscheinungen näher
verfolgt, so findet man, dass ihnen im allgemeinen die drei
magnetischen Phasen vorangehen, welche Herr von Rochas
deutlich beschrieben hat. Man hat also Anlass, zu glauben,
dass man sich hier einer Art von Phänomenen gegenüber
findet, welche eine verwandte Natur aufweisen wie die, welche
wir den Erscheinungen von Phantomen und Materialisationen
zuschreiben. Es ist dieselbe Individualität, werden wir
sagen, welche sich unter einer, oder auch der Reihe nach
unter mehreren ihrer früheren Persönlichkeiten kundgiebt *)
Nebenumständen (besonders auch bei automatischer Schrift und
Zeichnung) ist äusserst merkwürdig und weist entschieden auf eine
thatsäcbliehe transscendentale Ursache hin. —
Adui. des Uebersetzers.
*) Vei fasser könnte für seine Theorie wohl auch die auffallende
Aehnlichkeit anführen, welche die Geistererscheinungen — und zwar
nicht blos in Fallen von Tiansfiguratton des Mediums selbst — nach
den Sitzungsberichten meistens, wenigstens anfänglich, mit dem betreffenden
Medium aufweisen. So berichtet schon Physiker Varley über die
von Prot. Crookes am 20. März 1874 mit Miss Cook angestellten
Experimente, (vergL „Psych. Stud." Bd. I, S. 342 ff.) u, a,: - „Rade
glich auffallend Miss Cook, und ich sagte zu ihr: — *Sie sehen genau
so aus wie Ihr Medium/ Sie erwiderte: — 'Ja, ja!'" — Schon dieser
Umstand könnte allerdings für die Annahme sprechen, dass die angebliche
Katie King, die Hofdame der Maria Stuart, dieselbe Individualität
war, welche (nach der Reincarnationslehre) jetzt in der fünfzehnjährigen
Mormce Cook verkörpert lebte. — Dass derartige (an die bekannten
Naturspiele, gewisse Wolkenbiidungen und Krystallisationsgesetze
erinnernde) Erscheinungen früherer Verkörpeiungen gleichsam nur als
Nachklänge oder „Revibration" unter besonderen, nicht normalen Bedingungen
momentan und vielfach sogar nur partiell hervortreten,
könnte vielleicht zur weiteren Bestätigung der besonders von
A. Schopenhauer, sowie ß. Taine und dem russischen Philosophen
African Spir vertretenen Anschauung dienen, wonach die ganze
äussere Welt unter dem Gesichtspunkte der Form lediglich eine
Psychische Studien. April 1895. 12
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