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422 Psychische Studien. XXII. Jahrg. 9. Heft. (September 1895.)
der schlesischen Hauptstadt brachte den für alles Menschliehe
warm fühlenden Belehrten in enge Fühlung mit den
unteren Volksschichten. Oeffentlich zum Parteigänger der
demokratischen Arbeiterschaft Breslaus wurde Nees im
Sturmjahre 1848. Er stiftete in Breslau einen Arbeiterverein,
entwarf den Plan zur Errichtung eines Arbeitsministeriums
und wurde ein eifriger Wanderredner in den Versammlungen
der Arbeiter. Er gewann in Breslau eine so beträchtliche
Anhängerschaft, dass er als Vertreter der Stadt in die
Nationalversammlung entsandt wurde. Nicht minder als die
Politik interessirte Nees die religiöse Frage Als Johannes
Bonge die christ-katholische Bewegung anregte, wurde Nees
einer seiner eifrigsten Parteigänger. In Wort und Schrift
trat er für die -Konischen Gedanken mit fast zügellosem
Eifer ein. Mit eiserner Consequenz entnahm er für sein
äusseres und inneres Leben allein aus der neuen Lehre die
Richtschnur her. Er nahm davon Abstand, für eine Verbindung
mit einem Weibe, dem er zugethan war, die damals
vorgeschriebene kirchliche Trauung vollziehen zu lassen.
Ueberdies vertheidigte er noch in einer Schrift „Das Leben
der Ehe in der vernünftigen Menschheit" seinen Standpunkt.
Daraufhin wurde Nees 1851 im Disciplinarverfahren wesentlich
auf Grund der Beschuldigung des Konkubinats aller seiner
Aemter entsetzt und ohne Pension entlassen. Der mehr
als Siebzigjährige gerieth in grosse Noth. Er musste sich
seiner Sammlungen und der Bücherei entäussern und war
bis an sein Lebensende (er starb 1858) auf die Unterstützung
seiner Freunde angewiesen. Die Präsidentschaft der Naturforscherakademie
behielt Nees bis zu seinem Tode bei. Die
Akademiker dachten nicht so streng über Nees1 Leben wie
die Staatsbehörde. (1. Beil. zur „Vossischen Ztg." Nr. 381
v. 16. August 1895.) — Wer sich ganz genau über diese
Verhältnisse des ehemaligen Präsidenten der Kaiserl.-
Leopoldinisch.-Carolinischen Akademie der Naturforscher
Prof. Dr. Christian Gottfried Nees von Msenbeck unter-
-richten will, der lese mein Vorwort zu seiner und meiner
gemeinschaftlichen Uebersetzung von des amerikanischen
Sehers und Philosophen Andrew Jackson Davis Werk: —
„Der Arzt der Grossen Harmonie". (Leipzig, Franz Wagner,
jetzt bei Oswald Mutze, 1873, herausgegeben vom Staatsrath
Alexander Aksakow.) Da dieses Werk im Buchhandel vergriffen
ist, so kann es nur noch durch Oswald Mutze in
Leipzig, Lindenstrasse 4, antiquarisch zum erhöhten Preise
von 20 Mark bezogen werden laut Anzeige auf dem Umschlage
des August-Heftes er. — Vergl noch Seite 425 ff. —
Der Sekr. d. ßed.
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