http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1904/0490
Klinckowstroem: Die Feinheit der Sinne bei Blinden. 481
(—? D. Eins,). Er wusste mit grösserer Leichtigkeit die
Unterschiede im Glanz der Körper zu erkennen als im
Ton der Stimme, deren Schattirungen er nichtsdestoweniger
mit grosser Schärfe unterschied. Durch Berührung vermochte
er sich ein Bild von der Schönheit eines Menschen
zu machen, und die Aussprache sowohl wie der Tonfall der
Stimme dienten ihm ebenfalls, sein Urtheil zu bilden. Er
war stets darüber im Klaren, woher das Geräusch kam,
das an sein Ohr schlug. Eines Tages soll er im Streite
mit seinem Bruder, der sich über ihn lustig machte, den
ersten besten Gegenstand ergriffen und ihm denselben mit
solcher Wucht ins Gesicht geschleudert haben, dass dieser
zu Boden stürzte. Als ihn solche und ähnliche Ausbrüche
der Heftigkeit vor Gericht brachten und der Kichter ihn
mit dem Kerker bedrohte, da versetzte der Blinde: ,Ach
Gott! Herr Richter; ich bin ja schon über 25 Jahre
darin." —
Können sich die Blinden eine Vorstellung vom Sehen
machen? Man fragte einen Blinden, was das Auge sei.
Er erwiederte, das Auge sei ein Organ, auf welches die
Luft dieselbe Wirkung ausübe, wie sein Stock auf seine
Hand. „Und das ist ebenso richtig", setzte er hinzu, wie
die Thatsache, dass Ihnen meine Hand sichtbar ist, wenn
ich sie zwischen Ihre Augen und einen Gegenstand bringe,
während dieser letztere dann verschwindet. Ebenso ist es,
wenn ich mit meinem Stock nach einem Gegenstand taste
und einen anderen treffe.*
In einer stockfinsteren Nacht ging einmal ein Blinder
auf der Strasse, mit einer brennenden Kerze in der Hand
und einer grossen Flasche Wein in der Rocktasche. Ein
Vorübergehender erkannte ihn, und voll Erstaunen, ihn mit
einem Lichte zu sehen, rief er ihm zu: „Was willst Du
sonderbarer Heiliger mit dem Licht?! Ist nicht die
dunkelste Nacht für Dich dasselbe wie der hellste Tag?a
»Da hast Du £echta, entgegnete der Blinde. „Aber ich
trage diese Kerze ja auch nicht meinetwegen, sondern um
zu vermeiden, dass solch unbedachte Leute wie Du mich
anstossen und meine Flasche zerbrechen.a *)
*) Diese hübsche kleine Anekdote ist ja ziemlich bekannt, dass
sie jedoch aus so alter Zeit stammt, dürfte neu sein. K
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1904/0490