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174 Psychische Studien. XLV. Jahrg. 5. Heft. (Mai 1918.)
fliegt sie weg und sucht eine zweite Blume. Sobald sie eine
solche gefunden, ritzt sie mit dem scharfen Schneider ihrer
Lagerröhre das Gewebe vom Pistill der Blume und legt
ihre eigenen Eier zwischen die Eizellen der Pflanze, worauf
sie schnell zur Narbe des Griffels hinaufeilt und das befruchtende
Pollenknäuelchen in deren trichterförmige Oeff-
nung hineinstopft.
Nun sind aber diese Besuche der Motte für die Pflanze
unerläßlich. Man hat durch Versuche nachgewiesen, daß
ohne die Vermittelung der Insekten kein Pollen die Narbe
erreicht und somit die Eizellen unbefruchtet bleiben. Und
die Befruchtung dieser Eizellen ist wiederum unentbehrlich
für die Larven, welche in vier oder fünf Tagen aus den
Eiern des Insekts auskriechen. Man hat festgestellt, daß
die Larvren sich ausschließlich von den in Entwicklung begriffenen
Eizellen ernähren und daher, wenn die Befruchtung
der letzteren unterbliebe, verkümmern würden. Jede einzelne
Larve nun verbraucht etwa zwanzig Eier, und drei
oder vier Larven pflegen auf eine Blume zu kommen, die
Samenanlage der Pflanze aber enthält ungefähr zweihundert
Eizellen. Nehmen wir also an, daß, rundgerechnet, hundert
Eizellen den Mottenlarven geopfert werden, so bleiben doch
noch hundert übrig, die allein durch Mitarbeit der Motte
zur Befruchtung und Reife gelangen.
Diese wundervoll angepaßte Instinkttätigkeit der Yucca-
Motte wird nur einmal in ihrem ganzen Leben ausgeführt,
und dies ohne irgendwelchen Unterricht, ohne Gelegenheit,
sie bei andern zu sehen, oder nachzuahmen, ja soviel wir
sehen können, ohne daß das Insekt eine Ahnung von der
Tragweite seiner Handlungen hätte. Denn die weiteren
Schicksale der Eier, welche die Motte legt, bleiben ihr
ebensogut verborgen, wie der befruchtende Einfluß des von
ihr vermittelten Blütenstaubs auf die Eizellen.*
Schon Morgan ist der Meinung, daß jeder Schritt
dieser ganzen Reihe von Einzelvorgängen als der Erzeuger
des nächstfolgenden Schritten anzusehen sei und zwar derart
, daß jeder Einzelvorgang einen bestimmten Reiz auslöst
, der den nächsten Vorgang bedingt. Er nennt das
Beispiel der Yucca-Motte ein kettenartiges Ineinandergreifen
von Instinkten, wobei jedes Glied eine außerordentlich
große Anpassung zeigt.
Wenn wir diesen Fall analysieren, so werden wir sehen,
daß nicht jedes Glied der Vorgangskette eine Instinkthandlung
ist, sondern daß noch andere Faktoren dabei
hineinspielen; aber während bei unserem vorigen Beispiel
überhaupt kein reiner Instinkt zu beobachten war, wenn
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