Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Bibliothek, Frei122-Z5
Aksakov, Aleksandr N. [Begr.]
Psychische Studien: monatliche Zeitschrift vorzüglich der Untersuchung der wenig gekannten Phänomene des Seelenlebens
46. Jahrgang.1919
Seite: 35
(PDF, 171 MB)
Bibliographische Information
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1919/0039
«

Zeiler: Schopenhauer und Nietzsche. 35

gewissermaßen derjenige, der den Protestantismus (wenigstens
fn einem seiner wesentlichsten Merkmale) zum Abschluß
gebracht hat. Erst durch ihn sind wir völlig auf uns selbst
festellt worden, soweit wir Schaffende von Werten geworden
sind. Nur unser eigener Wille ist uns Gesetz, nichts außer
diesem Liegendes. Unser Wille schafft auf Grund unserer
Erkenntnis der Welt die für ihn verbindlichen Lebenswerte.
Mit Recht lehnt ein solcher auf sich selbst stehender Gesetzgeber
einen angeblich außer ihm liegenden göttlichen
Willen ab. Damit aber berührt sich Nietzsche in merk-
würdiger Weise mit der Mystik, die gleichfalls keinen Gott
außerhalb der eigenen Brust anerkennt, die in den höheren
Kräften des über das irdische Bewußtsein hinausliegenden
Selbst*) die Nähe der Gottheit empfindet und der höheres
Selbst und Gottheit zu einer untrennbaren Einheit zusammenschmelzen
. Was Nietzsche von dem Mystiker unterscheidet,
ist nur seine Ablehnung der übersinnlichen Kräfte des
Unbewußten. Er als Vertreter eines großenteils materialistisch
gestimmten Zeitalters konnte ja nicht anders als
alles Jenseitige, alles der damaligen Wissenschaft Unzugängliche
zurückweisen. Sein intellektuelles Wahrheits-
iewissen erlaubte ihm nicht, eine Anschauung nur deswegen,
weil sie uns tröstlich erscheint, anzunehmen, solange sie lieh
nicht unserm Denken als sachlich begründet erweist. Man
kann wohl sagen, daß die materialistische Grundrichtung
der damaligen Naturwissenschaft. Nietzsche eine harmonische
Ausgestaltung seines Wesens wie seiner Philosophie unmöglich
machte. Seine einseitige Diesseitsorientierung und
damit die schärfste Bekämpfung des Christentums wfr mit
dem Stand der damaligen Naturanschauung, die selbst eine
vitalistische Lösung des Problems des Organischen vollständig
ablehnte, unwiderruflich gegeben. Nur der Weg
des naturwissenschaftlichen Erkennens, den der heutige
wissenschaftliche Okkultismus zu beschreiten sucht, hätte
einen Nietzsche zum Jenseitsglauben führen können. So
ist er der extremste Verkündiger der Bejahung des Willens
zum Leben geworden. Die Bejahung dieses irdischen Lebens
erscheint als der höchste Lebenswert, dem sich jeder andere
Wert als Mittel zum Zweck unterzuordnen hat. Wohl hat
Nietzsche in den Tiefen des Unbewußten gesucht und
gewühlt wie kaum ein anderer vor ihm, um geheime Triebfedern
des Handelns, z. B. geheime Machtinstinkte bei *
solchen, die Demut und Abwendung vom Leben als Höchstes

*) Das Ich umfaßt das bewußte, das Selbst das höhere und unbewußte

Seelenleben.

3*


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/psychische_studien1919/0039