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242 Psychische Studien. XAVI. Jahrg. Heft. (April-Mai 1919.)
letzteren waren die Alten noch ganz im unklaren. Das
Geistesleben der Völker zu den Zeiten von Plato und
Aristoteles bis über das Mittelalter hinaus war von den
Ideen dieser beiden Philosophen, besonders des letzteren
beherrscht, bei welchem der Begriff der Materie aber nur
ein relativer war.
Im 17. Jahrhundert traten Robert Boylc und Newton
wieder für die Atomlehre ein; den ersten Ursprung der
Atombewegung schrieben sie Gott zu, alles, was sonst in
der Natur geschieht, suchten sie aber in den mechanischen
Gesetzen der Atombewegung.
Leibniz und Wolff waren in Bezug auf die Materie
wieder der Ansieht cW alten griechischen Stoiker, denn
ihre „Monaden* wüiüen lobende Atome sein. Es gilt daher
hiergegen deiselbe Einwand, welchen ich gegen die Lehre
der Stoiker erhoben habe.
Kant ist auf das Wesen der Materie nicht näher eingegangen
; er meinte nämlich, was die Dinge an sich seien,
wisse man nicht, und brauche man auch nicht zu wissen,
weil man ein Ding an sich doch uur in der Erscheinung
erkennen könne. Das letztere ist zwar richtig, aber es ist
doch von außerordentlich großem Werte, das Wesen der
Materie zu kennen und daraus dann Schlüsse auf unsexn
Körper und Geist zu ziehen.
Die jetzige Ansicht der Wissenschaft ist wohl die von
Lenard ausgesprochene: In seinem Vortrage über „Kathodenstrahlen
* (NobelVorlesung v. 28. Mai 1906) kommt
dieser Forscher zu der Schlußfolgerung, daß die Materie
aller greifbaren, wägbaren Körper in letzter Linie aus gleich
viel negativer und positiver Elektrizität bestehe. Elektrizität
ist aber nichts anderes als eine gewisse Bewegung des
Welt-Aethers hexw. seiner Teilchen.
Die Materie b« steht a*so aus Aeth er -Teilchen!
Was wissen wir nun von diesen Teilchen? Doch nur, daß
sie eine gewisse Form und Größe haben müssen, und dann
besonders, daß sie undurchdringlich sind. Der Aether
ist allerdings auch noch elastisch. Diese Eigenschaft kommt
ihm aber nur als Ganzem zu, sie ist erst infolge der Bewegung
der Weltkörper in ihm entst -uidcii, weil diese durch
ihre Bewegung im Aethermeer auf die Aether-Teilchen
drücken, und dieser Druck sich wegen der leichten "Verschiebbarkeit
dieser Teilchen mit größter Geschwindigkeit
nach allen Seiten bin fortpflanzt, so daß sich die ganze
Aethermenge unter einem gewissen Drucke befindet. Wird
dann ein Teilchen durch eine äußere Einwirkung aus seiner
Lage gebracht, so schiebt es dieser Aetherdruck, sobald die
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